Die Flotte gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit
Laura Stuart, eine gebürtige englische Staatsangehörige, Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Sie schloss sich der Freiheits-Flotte, welche das Motto „Route: Palästina; Fracht: humanitäre Hilfe“ hat, in Antalya an und ging an Bord der Mavi Marmara. Als Zeugin des israelischen Angriffs teilte sie uns ihre Erlebnisse mit.
**Dieses Interview wurde am 4. Juni 2010 in Istanbul von Z. Tuba Kor geführt und ins Türkische übersetzt.
Warum wollten sie an der Freiheits-Flotte nach Gaza teilnehmen?
Zuvor war ich zweimal in Gaza. Ich weiß, dass die IHH Stiftung sich auch an dem Fahrzeug-Konvoi nach Gaza davor beteiligt hatte. Ihre Arbeitsweise und ihre Organisation hatten mich damals schon beeindruckt. Aus diesem Grund wollte ich an der Flotte teilnehmen und noch mal nach Gaza fahren, als ich erfuhr, dass sie mit Schiffen nach Gaza fahren würden. Mein Grund nochmal nach Gaza zu wollen war der, dass ich meinen Protest gegen die Ungerechtigkeiten gegen das palästinensische Volk zeigen wollte.
Haben Sie so einen Angriff Israels gegen die Flotte erwartet bevor sie aufgebrochen sind?
Solche Befürchtungen hatte ich nicht. Ich wusste, dass sie die Flotte bedroht haben. Über die Medien verfolgte ich die unzähligen Aussagen, dass sie uns aufhalten würden. Aber dass sie, sobald sie das Schiff betreten auf unbewaffnete Zivilisten mit scharfer Munition zielen würden, habe ich wirklich nicht erwartet. So einen brutalen Angriff hätten wir nicht erwarten können.
Wie war die Atmosphäre auf dem Schiff vor dem Angriff?
Eine Nacht vor dem Angriff gegen 23:00 Uhr verkündete unser Kapitän, dass wir von israelischen Schiffen umzingelt wären, auf den Radaren wurden sie gesichtet. Wir wussten, dass wir an diesem Tag Gaza erreichen würden. Deshalb würde, wenn etwas passieren sollte, es an diesem Tag geschehen. Aufgrund dessen gingen wir früh ins Bett und versuchten so gut es geht zu schlafen. Die Atmosphäre war wirklich sehr ruhig, still und gedämpft, aber wir ahnten, dass etwas passieren würde.
Wie lief der israelische Angriff ab und was haben Sie währenddessen erlebt?
Auf dem Schiff wurde der Gebetsruf ausgerufen und schnell das Morgengebet verrichtet. Genau zu diesem Zeitpunkt fing plötzlich der Angriff an. Verletzungen und Todesfälle traten in den ersten Minuten ein. Ich war mit den anderen Frauen in der untersten Etage des Schiffes. Eigentlich habe ich bezüglich des Angriffes nichts gehört. Aber einer kam runter und suchte nach Personen, die Erste Hilfe leisten können. Mit denen bin ich dann auf die zweite Etage gestiegen. Bis die Israelis das gesamte Schiff unter ihre Kontrolle nahmen, habe ich dort versucht die verwundeten zu verpflegen.
Wie war die Stimmung indessen?
Sehr bewegt. Sie brachten die Verwundeten und diejenigen, die kurz vor dem Tod waren. Die Lage war unglaublich, überall war Blut. Alle Wunden der Verletzten waren Schusswunden, durch echte Kugeln hervorgerufen. Es waren alles Schusswunden. Natürlich waren wir auf so eine Situation nicht vorbereitet. Einige Verletzte lagen auf dem Boden und wir versuchten sie wieder zu beleben, andere lagen auf den Sofas und wir versuchten ihr Blut zu stoppen, ihre Wunden zu versorgen und sie zu kurieren. Die Lage war sehr dramatisch.
Israel behauptet, es befänden sich Terroristen auf dem Schiff? Wer alles war an Bord?
Die Israelis sind selber Terroristen. Die Menschen an Bord gehörten sehr unterschiedlichen Nationen und Religionen an, Muslime und Nicht-Muslime... Alle hatte nur das Ziel, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun oder zu bewegen. Natürlich gab es keine Terroristen. Aber sicher wird Israel das behaupten, weil ihre Aussagen nichts als Lügen sind.
Israel behauptet die Aktivisten hätten die Soldaten angegriffen. Wie haben sich die Friedensaktivisten gegen die israelischen Soldaten gewehrt?
Ich denke einige haben sich mit Stöcken gewehrt. Das ist aber völlig normal, denn das war unser Schiff und wir befanden uns in internationalen Gewässern. Sicherlich mussten wir uns wehren, als der israelische Hubschrauber kam... Ich habe es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, aber soweit ich verstanden habe, haben die Soldaten schon vom Hubschrauber aus, ohne zu landen, mit der Schießerei angefangen. Sie ließen uns keinen anderen Weg als uns zu wehren. Sie haben angefangen direkt auf uns zu schießen. Menschen, die angegriffen werden, haben das Recht sich zu wehren. Sie haben uns angegriffen und wir haben uns verteidigt.
Was hat Sie am meisten bewegt, was werden Sie nie vergessen können?
Die Verwundeten werde ich nie vergessen können. Die Tapferkeit der türkischen Männer werde ich auch nicht vergessen, sie waren alle sehr stark. Keiner jammerte rum, auch die, die sehr schwere Verletzungen erlitten haben. Sie waren wirklich sehr starke und wunderbare Menschen. Auf der anderen Seite sah man die Angst der israelischen Soldaten. Wie Sie wissen, haben sie ein Paar israelische Soldaten als Geisel zu dem Bereich gebracht, wo wir versuchten die Verletzten zu behandeln. Sie waren erbärmlich ängstlich. Aber einen Türken, der ängstlich guckte, habe ich nicht gesehen.
Wie verhielten sich die verletzten Nicht-Türken?
Es gab einen verletzen Australier und einen, ich denke, Indonesier oder Malaysier. Die waren auch in Ordnung. Jedoch haben das Schiff vor allem die Türken verteidigt, deshalb gab es viele Tote und Verletzte von ihrer Seite. Ich bewundere sie, weil, obwohl sie keine Waffen hatten - nur einige hatten Holzstöcke in den Händen-, hatten sie überhaupt keine Angst das Schiff zu verteidigen. Auf der anderen Seite sah ich, dass hinter den bewaffneten israelischen Soldaten, ohne ihre Gewehre nur Angsthasen stecken.
Später wurden Sie als Geisel festgehalten, war das so?
Eigentlich habe ich nicht gemerkt, dass die israelischen Soldaten auf die mittlere Etage kamen, weil ich mich total auf die Verletzten konzentriert hatte. Sie haben wohl alle Männer aus meiner Etage weggebracht, aber noch nicht einmal das habe ich wahrgenommen. Dann merkte ich plötzlich, dass einer mit mir redet. Als ich mich umsah, war niemand anwesend. Aus der anderen Seite der Halle an der Tür standen nur israelische Soldaten und riefen, ihre Waffen auf mich gerichtet: „Wenn du nicht sofort mitkommst, erschießen wir dich!“ Vielleicht haben sie schon vorher nach mir gerufen, aber ich habe davon nichts mitbekommen. Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass alle weg waren. Aus diesem Grund sagte ich z u den Soldaten: „Hier sind sehr schwer verletzte Menschen, ich kann sie nicht allein lassen.“ „Du musst sofort mitkommen, sonst erschießen wir dich. Keine Sorge wir schicken einen Arzt, wir haben Ärzte mit“, sagten sie zu mir. Daraufhin musste ich einen langen Weg zu ihnen überwinden. Sie haben nicht auf mich geschossen, jedoch suchten sie mich ab und fesselten meine Hände. Ich musste aufs Deck gehen.
Nachdem Sie gefangen genommen wurden, wie war deren Haltung gegenüber Ihnen und den anderen Geiseln?
Gegenüber einigen Passagieren haben sie sich wirklich unmöglich schlecht benommen. Ich hatte so gesehen sehr viel Glück, mich behandelten sie im Gegensatz zu den anderen besser. Weil sie wahrscheinlich gemerkt haben, dass ich während der Schießerei bei den Verwundeten war. Als ich auf dem Deck war, nahmen sie mir die Handschellen ab. Es gab drei Verletzte; sie beschlossen, dass diese nicht so schwer verletzt waren, dass man sie mit dem Helikopter transportieren müsste, und ich durfte bei ihnen bleiben. Sie erlaubten mir herumzugehen und Decken und Trinken zu verteilen. Sogar die Verletzen hatten sie die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ich habe sie gebeten und sie haben die Hände von vorne gefesselt. Als sich jedoch andere bewegten oder aufstanden, richteten sie sofort ihre Gewehre auf diese und brachten diese zu sitzen. Sehr lange zwangen sie diese auf dem Boden zu sitzen. Dass sie mir erlaubten aufzustehen, zeigte wie viel Glück ich eigentlich hatte.
Standen Sie an Bord oder später irgendwelchen Folter oder Verstoß gegenüber?
In der Tat war eigentlich alles sehr raffiniert geplant. Nachdem sie alles abgesucht haben, führten sie uns auf die mittlere Etage, hier war es sehr warm. Sie schalteten nicht die Klimaanlage an. Auf dem Weg nach Israel waren wir sehr hohen Temperaturen ausgesetzt. Die ganze Strecke über waren ihre Waffen auf uns gerichtet. Sehr lange haben sie nicht erlaubt auf die Toilette zu gehen, später stellten sie nur eine Toilette für Frauen und Männer gemeinsam zur Verfügung. Den ganzen Tag über waren wir extremer Wärme ausgesetzt, es fühlte sich wie in der Sauna an. Später füllten sie uns in völlig verschlossene Gefängniswagen, die Klimaanlage stellten sie auf die höchste Stufe, so dass wir erfroren. Es war so kalt, dass es weh tat. Sie fuhren die Wagen wie verrückt, mal traten sie plötzlich auf die Bremse, mal fuhren sie sehr schnell an. Wir wurden hin und her geschleudert. An sich hört sich das wie Kleinigkeiten an, aber sie taten alles um uns zu verunsichern.
Wurden Sie verhört?
Ja. Das war sehr stupide. Sie brachten und nach Israel, als wir in Israel ankamen, ließen sie uns einen Zettel unterschreiben, wo stand, dass wir illegal ins Land gekommen sind und dass sie uns abweisen können. Warum? Das ist idiotisch. Einige unterschrieben dieses Formular. Ich denke sie bekamen Angst oder waren verunsichert oder hatten nicht verstanden, was im Formular stand, vielleicht hatten sie gehofft, in ihre Länder zurückzukehren, ich weiß es nicht. Aber die meisten von uns weigerten sich so eine lächerliche uns absurde Lüge, dass wir illegal einreisten, zu unterzeichnen. „Nein, wir unterschreiben nicht!“, sagten wir. Daraufhin sagten sie: „Okay, wenn ihr nicht unterschreibt, kommt ihr ins Gefängnis.“ So kamen wir ins Gefängnis.
Was geschah im Gefängnis?
Am Anfang waren sie sehr hart zu uns. Sie schlugen uns nicht oder taten etwas dergleichen, aber sie waren sehr barsch. Da die Medien der ganzen Welt nachforschten, was passiert ist, änderte sich am nächsten Tag schlagartig ihr Verhalten. Sie fingen an uns saubere Shirts und Nahrungsmittel zu bringen; es kamen einige Anwälte und Beamte aus den Konsulaten... Zunächst sagten sie uns, wir wären schuldig. Daraufhin sagte ich: „Wir sind nicht schuldig, wir wurden gegen unser Willen hierher gebracht.“ Am nächten Tag oder zwei Tage später änderte sich ihre Einstellung und sie behandelten uns nicht mehr wie Verbrecher.
Wie gestaltete sich Eure Rückkehr?
Die türkische Regierung sandte Flugzeuge für alle, die zurückkehren wollten. Israel hatte ein Tag zuvor diejenigen, die nicht amtlich vertreten sind, aber vor allem die Bürger muslimischer Staaten, nach Jordanien geschickt. Zu den zurückgebliebenen sagten sie am Morgen: „Okay los aufstehen, aufstehen; ihr geht.“ und wir antworteten: „Wir haben nichts unterschrieben, wir wollen nicht gehen.“ „Nein, nein, nein alle gehen, alle gehen“, war die Antwort. Na gut dachten wir, gehen wir und sehen was los ist. Sie gaben unsere Pässe, überprüften und fuhren uns in Wagen gefüllt weg. Stundenlang jedoch - den ganzen Nachmittag und den Abend- warteten wir im Flugzeug. Natürlich war es unmöglich einzuschätzen, wer verschwunden, wer mit uns und wer im Krankenhaus war und wer schon das Land verlassen hatte. Wir waren nämlich insgesamt 680 Personen. Aus diesem Grund verließen die Flieger bis Mitternacht Israel nicht.
Der Chef der türkischen Regierung war sehr gut. Aus der Türkei waren Befugte nach Israel gesandt worden, damit sie uns in den Flugzeugen empfangen. Als wir in der Türkei landeten und in Busse stiegen, erwarteten uns mehrere Konsulate aus unterschiedlichen Ländern, die uns mitteilten, dass die türkische Regierung und die Turkish Airlines kostenlose Flüge zu unseren Ländern zur Verfügung stellten und sich um unsere Unterkunft und andere Bedürfnisse kümmerten. Es wurde alles für uns gemacht.
Was denken Sie über die IHH?
Sie haben mich fasziniert, vor allem ihr Leiter. Sie sind sehr starke Persönlichkeiten. Sie verließen Israel nicht bevor sie erfuhren wo sich jeder einzelne befand. Sie beschützten uns, sie waren sehr solidarisch mit uns. Sie hätten lediglich ihre türkischen Bürger nehmen und zurückreisen können, aber „Nein, jeder, der will, kann mit uns kommen“, sagten sie. Es sind sehr zuverlässige und mächtige Menschen. Sie sind jederzeit bereit gegen Unrecht und Ungerechtigkeit zu kämpfen.
Was denken Sie nun? Werden Sie an einer anderen Organisation teilnehmen um nach Gaza zu gelangen?
Ja, natürlich hoffentlich. Sobald irgendjemand bereit ist aufzubrechen, werde ich mich ihnen anschließen. Das war nicht meine erste Reise nach Gaza. Davor bin ich zweimal zusammen mit „Viva Palestina“ im Februar 2009 und Dezember 2009 gegangen und diesmal mit der IHH.
Warum haben Sie sich diesmal für die IHH entschieden?
Als wir in England die Gruppe organisierten, wollte ein Teil von uns mit der IHH nach Gaza. Weil uns das Organisationtalent, ihr Verhalten und dass ihr Vorsitzender uns aufnahm, sehr gefallen hat. Selbst nachdem der letzte Konvoi in Istanbul ankam, erinnerten sie sich an uns und nahmen sich die Zeit uns zu begrüßen.
Was versuchten Sie nach Gaza zu bringen?
Während wir in England waren, hatten wir für das „Rachel Corrie“ Schiff, das aus Irland aufbrechen sollte, große Mengen medizinische Geräte und Hilfsgüter gesammelt. Außerdem haben wir der IHH Geld gespendet, damit sie Zement und andere erforderlichen Materialien kaufen konnten. Das Schiff hier beluden wir mit einem Lastwagen voller medizinischer Güter und nahmen Spielwaren für die Kinder in Gaza mit. Es waren alles humanitäre Hilfsgüter. Dass Israel uns als Terroristen bezeichnet, ist nichts neues, sie bezeichnen Palästinenser, Libanesen und Iraner auch als Terroristen. Jeder der ihnen nicht adäquat ist, wird als Terrorist abgestempelt.








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