Interview mit dem Kapitän von Mavi Marmara
Der junge Kapitän des Schiffes Mavi Marmara, das von den blutigen Angriffen israelischer Soldaten betroffen war, hat erstmals gesprochen und über die Ereignisse berichtet.
Mahmut Tural sagte in seinen Äußerungen, dass Israelische Kräfte von dem Angriff sie nicht gewarnt haben. Tural wies darauf hin, dass sie während der gesamten Reise die von Israel festgelegten Grenzgebiete nicht überschritten haben und sagte: “Israel hat uns gezwungen, seine Gewässer zu betreten, um uns als die Schuldigen darzustellen. Ich habe jedoch unsere Route geändert, um dies nicht zuzulassen“. Mahmut Tural ist sich darüber sicher, dass das Schiff hätte zum Hafen von Aschdod gebracht werden können, ohne einen Passagier zu verletzen. „Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, um dies zu erreichen. Aber israelische Kräfte haben sich für das Letztmögliche entschieden und 9 Menschen sind wegen dieses Fehlers ums Leben gekommen“.
Die Einzelheiten vor und nach dem Angriff auf das Schiff haben wir in unserem Interview mit Mahmut Tural erfahren:
Wie hat das alles angefangen? Können Sie uns den Prozess ein wenig schildern?
Nachdem alle Schiffe im Süden Zyperns zusammenkamen, sind wir am 30. Mai um 16 Uhr gemeinsam aufgebrochen. Die Schiffe fuhren in einem Konvoi hintereinander. Der erste Kontakt mit der israelischen Kriegsflotte war gegen etwa 22.30 Uhr. Ich wurde nach den Informationen und Details über das Schiff gefragt und danach wurde darauf hingewiesen, dass in der Gaza Region eine Blockade besteht und wir unsere Route ändern sollen. Als diese Informationen ausgetauscht wurden, befanden wir uns 75 Meilen von der israelischen Küste entfernt und bewegten uns in internationalen Gewässern auf Route 222. Wir bewegten uns also weit von israelischen Gewässern entfernt in südwestlicher Richtung. Wir haben sie dann darauf hingewiesen, dass wir uns in internationalen Gewässern befinden und israelische Kräfte in diesen Gewässern nicht das Recht haben, eine Routenänderung zu verlangen.
KEINE WARNUNG VOR DEM ANGRIFF
Konnte man israelische Kriegsschiffe sehen?
Nein, Schiffe hat man derzeit nicht sehen können, aber auf dem Radar konnte man erkennen, dass sich in 3-4 Meilen Entfernung Schiffe bewegten. Nachts um 23.30 Uhr haben wir unsere Route auf 185 geändert. Unser Ziel war es, 70 Meilen von der israelischen Küste entfernt zu fahren. Wir haben diese Grenze keinesfalls überschritten. Die Appelle wurden von 22.30 Uhr bis 02.00 Uhr unregelmäßig wiederholt. Ab 02.00 Uhr haben wir einschließlich der Kaperung keine weitere Mahnung erhalten. Israelische Medien berichten immer wieder davon, dass wir die Anhalteaufrufe ignoriert hätten. In der Zeit zwischen 02.00 und 04.30 Uhr haben wir keine weiteren Appelle oder Mahnungen erhalten. Ohne uns vorzuwarnen, sind israelische Soldaten von Hubschraubern auf das Schiffdeck gelandet und schossen währenddessen auf die Menschen.

ANGRIFF IN INTERNATIONALEN GEWÄSSERN
Haben Sie mit einem derartigen israelischen Angriff gerechnet?
Als wir aufbrachen, hatten wir alle Wahrscheinlichkeiten vor Augen, aber wir haben niemals mit einem derartigen israelischen Angriff auf internationalen Gewässern gerechnet. Der Eingriff begann um 04.30 Uhr. Wir wurden von mit israelischen Soldaten beladenen Booten umgeben. Auf das oberste Deck wurden israelische Soldaten herabgelassen. Bevor jedoch Soldaten auf dem Schiff waren, haben sie angefangen zu schießen. Es sind Menschen ums Leben gekommen, weil Kriegssoldaten ein Passagierschiff angegriffen haben, auf dem sich wehrlose Zivilisten befinden. So wie jeder andere Mensch, der angegriffen wird, haben auch die Passagiere versucht, sich zu verteidigen und zu schützen.
Gab es einen Widerstand auf dem Schiff?
Die Aussage „ Wir haben nur aufgrund des Widerstandes angefangen, Waffen zu benutzen und zu schießen“ ist eindeutig falsch. Schon in den ersten Momenten der Kaperung kamen Nachrichten, dass sich Verletzte auf dem obersten Deck befinden. Den ersten drei israelischen Soldaten haben die Passagiere die Waffen weggenommen und sie entschärft. Die Waffen wurden aber nicht benutzt sondern ins Wasser geworfen.
Denn auch israelische Führungskräfte haben nicht behaupten können, dass Soldaten mit Schusswaffen verletzt worden sind.
DIE SOLDATEN HABEN UNUNTERBROCHEN GESCHOSSEN
Was für Waffen besaßen die israelischen Soldaten?
Die Soldaten hatten Schusswaffen mit Plastikkugeln, Paintball Waffen, die darauf modifiziert waren, Glaskugeln zu schießen und Schusswaffen mit richtigen Kugeln.
Die meisten Verletzen und Toten hat es aufgrund der Schüsse vom oberen auf das untere Deck gegeben, bei denen richtige Kugeln verwendet wurden.
Es hat circa 30 Minuten gedauert, bis sie vom oberen zum unteren Deck kamen. In dieser Zeit haben sie ununterbrochen auf die unteren Decks geschossen. Danach sind sie auf das untere Deck gekommen. Als die Kontrolle übernommen wurde, kamen noch mehr Soldaten aus den Booten auf das Schiff herab.
Hätten israelische Kräfte es geschafft, durch andere Wege das Schiff in den Hafen von Aschdod zu bringen?
Wenn man ein ziviles Passagierschiff anhalten möchte, gibt es viele unterschiedliche Methoden für. Aber es ist nicht erklärbar, ein Schiff mit Schusswaffen zu kapern, um es anzuhalten. Hier gibt es eine andere Absicht.
Nach der Kaperung haben wir unsere Route von 185 auf 270 geändert (in Richtung Westen), um uns schnellstmöglich von israelischen Gewässern zu entfernen. Denn Fregatten haben sich uns bewusst genährt, um uns in Richtung israelische Gewässer zu führen. Wir haben versucht, uns endgültig davon zu entfernen.
Israelische Soldaten haben auf die Fensterscheiben geschossen und sind rein gestürzt. Ein Widerstand gegen 10 israelische voll bewaffnete Kommandos war unmöglich. Zu der Zeit waren vier Tote und viele Verletzte bekannt. Um zu verhindern, dass es mehr Tote gibt, wurde die Schiffskontrolle übergeben. Hier kann keine Rede von Widerstand sein.
Wie haben die Soldaten Sie nach der Übernahme behandelt?
Das gesamte Personal wurde auf den Boden gelegt und mit Handschellen gefesselt. Als Kapitän des Schiffes habe ich mich geweigert, mich auf den Boden zu legen. Nach einer kurzen Auseinandersetzung wurde ich aufgefordert mich zu bewegen und sollte mich auf ein Sessel setzen. Ich wurde nicht gefesselt. Als erstes wurde verlangt, dass wir die Maschinen stoppen.
Die Soldaten haben erst die äußeren Decks kontrolliert, bevor sie in das Schiff rein gekommen sind. Wir kontaktierten die unteren Decks mit Funkgeräten. Die Forderung von unten war es, sofort medizinische Unterstützung zu gewähren. Ich habe diesen Wunsch mehrmals dem Befehlshaber mitgeteilt. Sie haben wiederholt, dass eine medizinische Versorgung nur unter der Voraussetzung möglich sei, dass wir unsere Route auf 130 also in Richtung Aschdod ändern.
Auf dem Schiff war jede Möglichkeit zu medizinischen Versorgung vorhanden. Sie haben es aber untersagt, diese zu benutzen und den Ärzten verboten, Verletzte zu behandeln.
PSYCHOLOGISCHE FOLTER
Was haben Sie als Kapitän danach gemacht?
Während der Erstürmung und der Suchaktionen, wurden die Maschinenkontrollsysteme beschädigt. Mit dem Gedanken, dass wir uns in internationalen Gewässern befinden und Hilfestellung bekommen könnten, wurde die Reparatur der Maschinen verlangsamt.
Während die Reparatur der Maschinen andauerte, verlangte ich nach unten zu gehen, um die Verletzten zu sehen. Man erlaubte es mir, aber als ich an Deck war, sagten mir israelische Soldaten, ich solle meine Uniform ausziehen, da sie mich untersuchen wollen. Sie richteten ihre Waffen auf mich, legten mir Handschellen an und brachten mich dorthin, wo die anderen Passagiere gehalten wurden. Währenddessen saßen die Passagiere schon auf den Knien an Deck und auch ihnen waren Handschellen angelegt. Ein Hubschrauber flog genau über uns und ließ das kalte Meerwasser auf uns spritzen. Diese psychologische Folter dauerte stundenlang. Später wurde ich wieder ans Oberdeck gebracht.
Das Verhör im Hafen von Aschdod
Was passierte nachdem Sie in Israel angekommen waren?
Gegen 20.30 Uhr erreichten wir den Hafen von Aschdod. Dort wurden mir wieder Handschellen angelegt und wir verließen das Schiff. Nach einer allgemeinen Gesundheitsuntersuchung wurde ich in einen Verhörraum gebracht. Da ich als erster aus dem Schiff geholt wurde, weiß ich nicht, was die anderen Passagiere dort erlebt haben. Bevor ich in die Zelle gebracht wurde, ließen sie mich 4-5 Stunden im Transporter warten. Bis ich für den Rückflug in die Türkei, zum Flughafen gebracht wurde, durfte ich mit niemandem reden, außer den israelischen Soldaten, die mich verhörten. Ich weiß noch nicht mal, wo ich verhört wurde.
Versteckte Kamera während des Verhörs
Während des Verhörs waren die israelischen Soldaten auf der Suche nach Schuldigen, damit sie ihren brutalen und unmenschlichen Angriff rechtfertigen konnten. Sie wollten unbedingt einen Namen hören, den sie als verantwortlich für den Angriff erklären konnten. Im Verhörraum haben sie versteckte Kameras benutzt. Das erste Verhör fand gleich im Hafen von Aschdod statt. Später wurde ich mehrmals verhört, wobei jedes Mal die selben Fragen gestellt wurden. Alle Verhöre bis auf das letzte waren auf türkisch. Beim letzten Verhör haben sie englisch gesprochen.
Sie wollten von mir einen Namen hören, den sie als schuldig erklären konnten
Haben die israelischen Soldaten nach bestimmten Namen gefragt?
Ihre Art und Weise war nicht danach gerichtet, mich zu beschuldigen. Sie versuchten mich eher dazu zu bringen, jemanden von der IHH Stiftung zu beschuldigen. Sie fragten immer wieder nach Personen, die diese Freiheitsflotte organisiert haben. Als ich ihnen sagte, dass die IHH Stiftung eine humanitäre Hilfsorganisation sei und dass sie alle nötigen Informationen auf der Website der IHH finden können, änderten sie ihre Fragen und sagten, dass es auf dem Schiff einen Widerstand unter den Passagieren gegeben hat und wer diesen Widerstand organisierte.
Beim letzten Verhör haben sie mehrmals danach gefragt. Angeblich sollen einige Passagiere der Flotte gesagt haben, dass Eisenstangen vorbereitet wurden, um sich bei einem Angriff der israelischen Soldaten zu wehren. Sie wollten von mir Namen von Personen hören, die diese Vorbereitungen gemacht haben.
Wie haben Sie auf diese Fragen reagiert?
Ich habe ihnen geantwortet, dass vielleicht einzelne sich individuell auf den Angriff der israelischen Soldaten vorbereitet haben, aber dass es keine Person gegeben hat, die einen kollektiven Widerstand organisierte und dass sogar viele individuelle Vorbereitungen verhindert wurden. Ich habe ihnen auch gesagt, dass ich den 2. Kapitän damit beauftragt habe, diese Widerstände unter Kontrolle zu halten. Daraufhin haben auch Zuständige der IHH alle Eisenstangen ins Wasser geworfen und mögliche Provokationen verhindert. Das habe ich ihnen alles erzählt.
Israel hat einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Verhör-Video veröffentlicht. Was sagen Sie dazu?
Dieser Video-Ausschnitt war aus meinem letzten Verhör. Nachdem sie mehrere Male die selben Fragen gestellt hatten, haben sie nur einige Antworten von mir rausgesucht und diese veröffentlicht. Hätten sie das ganze Video veröffentlicht, wären die Wahrheiten ans Tageslicht gekommen. Genau das wollen sie aber verhindern. Sie haben nur einige Minuten aus dem Verhör-Video veröffentlicht, um die Wahrheit zu manipulieren.
Gab es während der Fahrt Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und den Zuständigen der IHH?
In Israel sowie auch in der Türkei versuchen einige Medien, Nachrichten zu verbreiten, in denen sie behaupten, zwischen dem Kapitän, also zwischen mir und den Zuständigen der IHH habe es große Meinungsverschiedenheiten gegeben. Das stimmt aber nicht. Während der ganzen Fahrt hatten wir eine freundliche und harmonische Zusammenarbeit. Auch für die Harmonie auf dem Schiff und unter den Passagieren waren wir im gegenseitigen Meinungsaustausch. Wir alle waren gegen jegliche Provokationen auf dem Schiff.
Nichts kann diesen Terror rechtfertigen
Nun versuchen einige Medien in Israel und in der Türkei diesen Angriff auf eine Solidaritätsflotte - beladen mit humanitärer Hilfe - in internationalen Gewässern zu rechtfertigen. Ich sage ihnen nur eins: Nichts kann diesen Terrorakt der israelischen Regierung rechtfertigen und verharmlosen.




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